Lancia Thema im Test: Mercedes Italiens?

08.02.2013 Alle Testberichte

Der neue Lancia Thema 2013Früher wanderten Italiener vom Stiefel aus ins ferne Amerika. Nun ist mit dem neuen Lancia Thema einer in der Gegenrichtung unterwegs – Test Lancia Thema 3.6 V6.

Born in the USA? Keine Frage, wer in dem wuchtigen neuen Lancia Thema nicht den Chrysler 300 C sieht, der in Europa nur noch in England so heißen darf, sollte sich mal auf die Augen schauen lassen. Der große Lancia, auch bekannt als „Mercedes Italiens“, kommt ganz unzweideutig aus der US-Auto-Metropole Detroit.

Die kantige, 5,07 Meter lange und 1,90 Meter breite Limousine schlägt mit 20-Zoll-Felgen (22 Zoll sind auf Wunsch möglich) nicht gerade leise Töne an. Die Außenspiegel erscheinen mit verchromten Gehäusen amerikanisch undezent. Erst unter dem Label Lancia scheint die üppige US-Limousine in der Moderne angekommen zu sein. Davon zeugen der adaptive, bei zu nahem Auffahren warnende Tempomat, die Totwinkelwarner in beiden Außenspiegeln und die Rückfahrkamera. Die ist so klasse wie das 1.350 Euro teure Panoramadach riesig und hell: Der 8,4 Zoll in der Diagonale messende Touchscreen ist nicht nur sehr großformatig, sondern spielt ein scharfes und unverzerrtes Bild auf dem TFT ein. Genauso im Übermaß gestaltet sich das mit dem mitfahrenden Getränk: Fünf Insassen, zehn Getränkehalter – good morning America. Auch typisch Amerika: Die vorderen Becherhalter sind klimatisiert, der Fond mit eigener Klimatisierung und Sitzheizung luxuriös und die Sitze in der ersten Reihe mit Heizung und Belüftung bequem.

Bequemer als das Fahrwerk. Der Komfort auf tadellosem Belag fällt noch überzeugend aus. Dann aus der Reihe. Die Abstimmung ist zu straff, Querfugen kommen zu deutlich. Typisch für ein unharmonisch in Richtung mehr Sportlichkeit abgestimmtes Fahrwerk: Mit diesem Setup und Heckantrieb geht es zwar flott in die Kurve, aber der Abrollkomfort bleibt definitiv auf der Strecke. Der Niederquerschnitt (245/45 R20) trägt auch einen guten Teil zur Härte bei. Und wohl auch zum Knistern in der rechten hinteren Türverkleidung. Bei hohem Tempo würde man sich auch etwas mehr Verbindlichkeit in der Lenkung wünschen. Und etwas weniger Windgeräusche im Ohr.

Das erwartet angesichts der bulligen Karosse einen V8. Aber im Lancia arbeiten nur Sechszylinder. Zwei Dreiliter-Turbodiesel mit 190 und 239 PS und ein 3,6 Liter-V6 aus Amerika. Mit 286 PS steht der spürbar gut im Futter. Mit überraschend hellem Klang dreht er hoch. Der Krafteindruck hat keinen Haken. Der sonor klingende V6 rotiert bei Autobahnrichtgeschwindigkeit mit frommen 1.600 U/min. Oft pendelt der Zeiger des Drehzahlmessers knapp oberhalb von 1.000 Umdrehungen. Die Sitte des von der Achtgang-Automatik in der Tiefe gehaltenen Drehzahlniveaus reflektiert auch das Trinkgebaren: 10,6 Liter Super verbraucht der Thema 3.6 V6 24V im Testmittel. In der Stellung „Sport“ oder bei hektischem Gezuckel mit den Schaltwippen genehmigt sich der V6 mehr. Frage: wozu? In der Praxis landet der Automatik-Wahlhebel fast immer in „D“.

Der neue Lancia Thema 2013 hintenGelassen amerikanisch, gepflegt italienisch: Typisch Lancia ist der Zuschnitt des Hecks. Das beige Nappaleder und das „Mocaccino“-Leder auf dem Armaturenbrett steuert der italienische Möbelproduzent Poltrona FRAU bei. Der dünne, zweifarbige Lenkradkranz und die Zweifarbigkeit des Interieurs sowie die analog anmutende Uhr sind auch nach Art des Hauses. Die Taktik, den alten Chrysler als neuen Lancia zu präsentieren, wirkt gewagt. Aber sie wirkt, denn so holt sich die in Deutschland lange vernachlässigte Traditionsmarke Lancia ohne übermäßige Entwicklungskosten, neue Modelle an Bord. Der Thema ist kein schlechtes. Und das, relativ zur Konkurrenz in Stuttgart und München, zum fairen Preis: Mit dem 3,0 Liter-Diesel und 190 PS steht der Lancia Thema mit 41.400 Euro in der Preisliste. Der Erfolg des 300 C damals gibt dem Thema von heute noch recht – basta. (le)









 
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